"Hey, ich gehe im Sommer zurück zur Mirror Wall, da gibt es eine absolute Traumlinie. Lass mich wissen, ob du motiviert bist mitzukommen“, lautete die Nachricht von Sean Villanueva in meinem Posteingang.
Nachdem ich Sean ausführlich über seinen Versuch auf der Route während der Expedition 2023 ausgefragt hatte – seine Antworten waren oft in der Art von „Ich bin mir nicht 100% sicher, ob es klappt, aber ich bin neugierig genug, um es nochmal zu versuchen“ – sprang ich auf die Gelegenheit auf.
Der Fakt, dass er bereit war für eine zweite Expedition, um „nochmal zu schauen“, und dass wir vor ein paar Jahren in Patagonien ein gutes Kletterteam gebildet hatten, waren für mich Grund genug, selbst einen Blick darauf zu werfen. Die Wand – Mirror Wall - wollte ich schon seit vielen Jahren sehen.
Zwei Wochen vor unserer Abreise nach Grönland verstarb unser Freund und Teammitglied Keita Kurakami. Das stellte uns vor große Fragen: „Können wir überhaupt noch gehen?“ und „Sollten wir überhaupt noch gehen?“, so kurz vor dem Abreisetermin. Teammitglied Takemi Suzuki (ein enger Freund von Keita) entschied sich verständlicherweise, in Japan bei Familie und Freunden zu bleiben. Trotz des schweren Schlags für das Team fanden wir uns einen Monat später wieder zusammen, und zu viert standen wir schließlich an der Basis der Wand (nach zwei Wochen finaler Vorbereitungen, fünf Tagen Segeln und sieben Tagen Transport von 30-kg-Lasten).
Das Team bestand aus mir (Pete Whittaker), Sean Villanueva O’Driscoll, dem erfahrenen britischen El-Cap-Hilfskletterer Sean Warren und der talentierten französischen Kletterin und Fotografin Julia Cassou.
Wir wollten dieselbe Linie ausprobieren, die Sean bei seiner Expedition 2023 geklettert hatte, und das im gleichen Stil: von unten nach oben mit so wenigen Bohrhaken wie möglich und ohne Bohrhakenleitern. Das zwang uns im Wesentlichen, entweder schwere Freikletter- oder technische Hilfskletterpassagen zwischen den wenigen Bohrhaken zu bewältigen, die für den Schutz in blanken Bereichen gesetzt werden mussten. Ein Stil, der mir sehr zusagte. Wir wollten gefordert werden.
Nach sechs Tagen an der Wand, an denen wir mehr Regentage als trockene Tage hatten, erreichten wir den bisherigen Höchstpunkt. In dieser Zeit beeindruckte und forderte mich das Wiederholen von Seans Vorstiegen aus dem letzten Jahr immer wieder aufs Neue: lange Runouts mit Wechseln während des Vorstiegs zwischen schwerem Freiklettern und filigraner technischer Kletterei, die von unten durch ziemlich spärlich aussehende Felsbereiche führten. Selbst Sean schüttelte ungläubig den Kopf über einige seiner Vorstiege aus 2023.
Der Höchstpunkt des letzten Jahres wurde ohne viel Drama passiert, und die Stelle, die Sean 2023 zwei Tage lang aufgehalten hatte, löste er diesmal gleich beim ersten Versuch. Doch die nächsten Seillängen durch unbekanntes, rissloses Terrain verliefen langsamer. Sean Warren zeigte außergewöhnliche technische Kletterleistungen, indem er sich durch knarzende Schuppen und dünne Risse arbeitete, um das zu erreichen, was wir alle von unten erhofft hatten… einen Riss, und eine der besten Freikletter-Seillängen der gesamten Route.
Das Risssystem, in das wir nun gelangt waren (und das bis zum Gipfel führte), war jedoch weiterhin anspruchsvoll und erforderte eine ganze Bandbreite an Techniken, von Fingerklemmern bis hin zu Kamintechnik, um sie erfolgreich frei zu klettern. Nach vielen Regentagen und kalten, wolkigen Bedingungen während unseres bisherigen Aufstiegs konnten wir nach 11 Tagen an der Wand endlich die Sonne am Gipfel genießen.
Den Gipfel mit Sean, Sean, Julia und Keita in unseren Gedanken zu teilen, war schlichtweg brillant. Während des gesamten Abenteuers inspirierten mich meine drei Teamkollegen jeden Tag aufs Neue. Sie waren in jeder Hinsicht absolute Maschinen, ob beim Durchhalten unter suboptimalen Bedingungen oder beim Essen von Bigos – ich war durchweg beeindruckt.
Während unseres Gipfelvorstoßes kletterten wir die Route mit einer Schwierigkeit von 7b+/R/A2+ (das ist die obligatorische Bewertung, um überhaupt hochzukommen), wobei 16 der 25 Seillängen vollständig frei geklettert wurden. Beim Abstieg verbrachten wir eine weitere Woche an der Wand und befreiten sechs weitere Seillängen bis zu einem Schwierigkeitsgrad von 8b, mit vielen weiteren Abschnitten mit R-Bewertung. Drei Seillängen blieben unbefreit.
Natürlich bin ich froh, den Gipfel erreicht zu haben, aber noch wichtiger ist, dass ich glücklich bin, dass wir einen so anspruchsvollen Ort sicher und mit viel Spaß durchqueren konnten. Insgesamt dauerte die Expedition 43 Tage, davon 38 Tage entweder beim Klettern, Lasten schleppen oder Segeln, und fünf Tage voller Ruhe.
Keita hatte als Shakuhachi-Flötenspieler den Namen „龍心 (Ryu-shin)“, was ins Englische als „Herz des Drachen“ übersetzt wird.
Diese Besteigung ist seinem Andenken gewidmet.
„Ryu-shin“ 8b R A2+, Mirror Wall, Grönland.
Abschließend hatten die Bemühungen des Teams von 2023 (bestehend aus Sean Villanueva O’Driscoll, Nico Favresse, Ben Ditto und Franco Cookson) mit Sicherheit einen positiven Einfluss auf den Erfolg dieser Reise, und ihre Leistungen wurden während der ersten Hälfte unserer Expedition immer wieder anerkannt, als wir das Gelände erneut durchquerten, das sie im letzten Jahr erschlossen hatten.
Ein großer Dank geht an Mike Brooks (@exped_sailing) und Vicente Castro (@iorana_expediciones) für die sichere Überfahrt und an Rolo Garibotti für die Wettervorhersagen. Ebenso an unsere Sponsoren die all das möglich gemacht haben.