Am 21. Oktober ist James Pearson als Zweiter die Kletterroute „Tribe“ in Cadarese, Italien durchstiegen. Obwohl diese 30-Meter-Route nach der Erstbegehung durch Jacopo Larcher im Jahr 2019 noch nicht bewertet wurde, gilt sie als eine der härtesten Trad-Routen der Welt – wenn nicht als die schwierigste überhaupt. Larcher brauchte sechs Jahre, um das Projekt abzuschließen.
James Pearson blickt bereits auf ein erfolgreiches Kletterjahr zurück, das unter anderem die Rotpunkt-Begehung von zwei 9a-Routen umfasst. Nun ist es dem engagierten Vater und Meister des Trad-Kletterns gelungen, die Route Tribe schon bei seinem siebten Vorstiegsversuch frei zu durchsteigen.
Wir haben mit James Pearson über diese Erfahrung gesprochen.
Wild Country:
Herzlichen Glückwunsch, James, was für eine Leistung! Wie fühlst du dich, nachdem du Tribe durchstiegen bist?
James:
Vielen Dank. Ich fühle mich gut, ziemlich entspannt, erleichtert und bin auch etwas überrascht. Ehrlich gesagt hatte ich nicht geplant, die Route gleich beim ersten Besuch zu durchsteigen. Ich war nur nach Italien gekommen, um mir die Züge anzuschauen und zu entscheiden, ob Tribe ein Langzeitprojekt werden könnte. Es war eine riesige Überraschung, dass ich die Route durchsteigen konnte, und ich kann es noch gar nicht so richtig glauben.
Wild Country:
Bevor wir näher auf deinen überraschenden Erfolg zu sprechen kommen – kannst du erklären, wodurch sich harte Trad-Routen von schwierigen Sportkletterrouten oder von kniffligen Boulderproblemen unterscheiden?
James:
Eine Trad-Route kann aus vielen Gründen kompliziert zu klettern sein, aber wahrscheinlich ist das vor allem eine Kopfsache. Man begibt sich oft in Gefahr. Und selbst, wenn dies nur auf einen kurzen Abschnitt zutrifft, macht es das Ganze etwas schwieriger.
Wild Country:
Du hast allerdings schon viele schwere Trad-Routen gemeistert. Hat dich das auf Tribe vorbereitet? Waren bestimmte Routen besonders ausschlaggebend?
James:
Die Liste ist ziemlich lang, aber die wichtigsten Routen der letzten Jahre waren sicherlich Le Voyage (E10, 7a) in Annot, Frankreich, und Power Ranger (5.14R) in Chattanooga, USA.
Wild Country:
War Tribe angesichts deiner Erfolge wie die eben genannten Routen und zuletzt auch zunehmend schwierige Sportkletterrouten schon immer etwas, das du probieren wolltest?
James:
Ich kannte die Route seit vielen Jahren, schon bevor Jacopo sich daran versucht hat. Tribe war immer der Gigant, der auf meinem Weg zur Hauptfelswand in Cadarese vor mir gen Himmel ragte. Doch obwohl das Einrichten eines Topropes nur zwei Minuten dauert, habe ich mir nie die Zeit genommen, mich abzuseilen und mir die Griffe anzusehen. Die Route sah zwar fantastisch aus, aber wahrscheinlich hielt ich sie einfach für nicht machbar.
Wild Country:
Was hat sich dann verändert? Was hat dich überzeugt, die Zeit und Energie aufzubringen, es zu versuchen?
James:
Seitdem Jacopo Tribe geklettert ist, stand die Route definitiv auf meiner Liste. Doch dann wurde ich Vater und hatte zunächst einfach weder die Zeit noch die Fitness für so ein Projekt. Dieses Jahr hat sich jedoch alles eingespielt und ich bin schon fast wieder in Bestform. Caroline und ich beschlossen, im Oktober nach Italien zu fahren und uns die Züge der Route anzusehen – in der Hoffnung, dass sie im Bereich des Möglichen liegen würden. Ich ging davon aus, dass ich in den nächsten Jahren noch ein- oder wahrscheinlich noch mehrere Male zurückkehren würde, um mich ernsthaft an der Route zu versuchen.
Wild Country:
Hattest du einen speziellen Trainingsplan, mit dem du dich auf den ersten Besuch der Route vorbereitet hast?
James:
Ich trainierte ein wenig zu Hause in unserem Fitnessraum, und wir waren im Sommer viel in den Bergen bei Briancon klettern, wo ich meine zweite 9a geschafft habe. Ich fühlte mich also ziemlich gut in Form. Es ist allerdings schwierig, auf ein Projekt hinzutrainieren, wenn du nicht genau weißt, worin es besteht. Also habe ich einfach versucht, insgesamt so fit wie möglich zu werden. Meine Fingerkraft ist glücklicherweise schon von Natur aus gut; daher habe ich für die Route nicht extra am Fingerboard trainiert.
Wild Country:
Jetzt weißt du, worin das Projekt besteht. Kannst du die Route mit uns durchgehen?
James:
Die ersten 10 Meter sind recht einfach, gut zum Aufwärmen. An ihrem Ende wartet ein großer Vorsprung, auf dem du dich sogar hinsetzen kannst. Die eigentliche Route beginnt erst hier, aber du musst den unteren Abschnitt – inklusive eines Runout – jedes Mal mitklettern. Kurz bevor es dann schwierig wird, bietet der Riss im hinteren Bereich des Dachs eine hervorragende Gelegenheit, um ein paar Friends mit langen Bandschlingen zu platzieren. Die erste Schlüsselstelle beginnt mit einem Boulderproblem, das hohe Körperkraft erfordert und dich zu einem horizontalen Riss bringt. Hier gibt es jede Menge Sloper und einige gute Stellen für Friends. Es folgt eine unterarmlastige Traverse nach rechts, an deren Ende sich der Ruhepunkt vor der zweiten Boulderstelle befindet. Diese zweite Boulderstelle ist ganz anders als die erste. Ich halte sie für technisch schwieriger, aber es geht vielmehr um das Gleichgewicht und um technische Züge als um Kraft. Anschließend gibt es einen ganz passablen Griff, an dem du dich etwas ausruhen kannst. Und dann kommt eine knifflige Schlusspassage vor dem großen Vorsprung. Hier besteht die Gefahr eines Sturzes, den du vermeiden solltest. Auf dem Vorsprung kannst du dich wieder hinsetzen und dich komplett erholen, bis du bereit bist für den letzten schwierigen, fingerlastigen Riss (etwa eine 7B) bis zum Top.
Wild Country:
Kann man sich am ersten Ruhepunkt ausruhen und dann mit ganzer Kraft in die anderen Schlüsselabschnitte gehen?
James:
Der Ruhepunkt ist nicht schlecht, aber du hängst an deinen Armen. Du erholst dich also recht gut, bist danach aber nicht wieder 100 % frisch – zumindest war ich es nicht.
Wild Country:
Du hast einen Runout am Anfang der Route erwähnt. Muss man sich irgendwo Sorgen machen, auf dem Boden aufzuschlagen oder allgemein schwer zu stürzen, wodurch es mental schwieriger wird?
James:
Die Sturzgefahr ist alles in allem vertretbar. Es besteht ein kleines Risiko, dass sich dein Bein im Seil verfängt und du kopfüber fällst – aber solange dein Partner schön dynamisch sichert, müsstest du schon Pech haben, um dich zu verletzen. Bei meinem schmerzvollsten Sturz in der Route habe ich mir meinen großen Zeh angeschlagen, aber ehrlich gesagt kann beim Sportklettern weitaus Schlimmeres passieren. Bitte versteh mich nicht falsch – die Route hat durchaus gefährliche Abschnitte, wo du bei einem Sturz auf dem Boden aufschlagen könntest. Doch da das Klettern an diesen Stellen deutlich einfacher ist, musst du dir eigentlich keine Sorgen machen, hier zu fallen.
Wild Country:
Kannst du uns erzählen, wie du nach deiner Ankunft vorgegangen bist und wie du so schnell Fortschritte gemacht hast?
James:
Als Erstes habe ich versucht, zumindest teilweise das Moos zu entfernen, das seit Jacopos Projekt über die Route gewachsen war. Als ich am Felsen ankam, war alles supernass, wie bei einem Wasserfall, daher habe ich mir die Zeit genommen, um die Vorsprünge oberhalb der Route zu säubern und die Route selbst in einen möglichst guten Zustand zu bringen. Als sie getrocknet war, habe ich ein statisches Seil befestigt, meine Ausrüstung überprüft und zu projektieren begonnen.
Wild Country:
Du hast also viele Tage damit verbracht, mit einem statischen Seil an den einzelnen Zügen zu arbeiten?
James:
Etwa vier Tage lang bin ich so vorgegangen. Es waren allerdings nie ganze Tage, sondern immer nur einige Stunden, da die Route ziemlich nass war und nur am späten Nachmittag für ein paar Stunden trocknete.
Wild Country:
Wie hast du in diesem Prozess beschlossen, dass es Zeit für einen Vorstiegsversuch ist?
James:
Ich mag es, so bald wie möglich mit dem Vorstieg zu beginnen, auch wenn der sich zunächst auf einen Abschnitt zwischen zwei Sicherungen beschränkt. Dies gibt mir eine viel bessere Vorstellung davon, wie sich die Vorstiegsversuche anfühlen werden, und baut psychischen Druck aufgrund möglicher Stürze ab. Im Fall von Tribe wurde ich von Jernej Kruder angespornt, der zu meinem Glück auftauchte und fragte, ob er sich anschließen könnte. Es war eine große Hilfe, einen anderen starken Kletterer an meiner Seite zu haben, mit dem ich mich sowohl über die Vorgehensweise als auch über meine Bedenken austauschen konnte. Auch dass er mich sicherte, war großartig. Denn aufgrund der steilen Umgebung konnten Caroline und ich nicht wie sonst die Route mit unserem Sohn projektieren.
Wild Country:
Gab es beim Vorstieg Momente, in denen du dachtest, du hättest den Durchbruch erreicht und könntest die Route schaffen?
James:
Als ich an der oberen Boulderstelle den Zug am ersten Zangengriff hinbekam und zwischen dem zweiten und dem letzten Zug stürzte, war ich zum ersten Mal zuversichtlich. Zwei Tage später, als ich auch diesen Zug schaffte und beim letzten stürzte, wurde mir klar, dass es nur eine Frage der Zeit war. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass es gleich bei diesem Besuch klappen würde!
Wild Country:
Wie viele Vorstiegsversuche hast du insgesamt benötigt? Und kannst du den Tag beschreiben, an dem du es geschafft hast?
James:
Ich habe die Route bei meinem siebten Vorstiegsversuch geschafft. Das war wohl an Tag vier. Es war eigentlich Regen angesagt, und wir sind nur zum Felsen hochgewandert, um die statischen Seile und die Ausrüstung abzubauen.
Wild Country:
Das Wetter in Cadarese ist bekanntermaßen regnerisch und die Route ist oft nass – hat das eine Rolle gespielt an dem Tag, an dem du sie frei durchstiegen bist?
James:
Es war mein siebter Vorstiegsversuch und am Anfang dachte ich, dass es einfach ein guter Trainingsversuch sein würde. Bis zum Top zu kommen, schloss ich komplett aus. Es ist schon komisch, wie sich manche Dinge ergeben!
Wild Country:
Ihr müsst an dem Abend ordentlich gefeiert haben – hoffentlich im Trockenen.
James:
Ja, das haben wir, aber ich habe es immer noch nicht ganz realisiert. Caroline und ich gönnten uns in unserem Bus Sushi und eine Flasche Sekt. Wir haben versucht, Arthur vorher ins Bett zu bringen, doch er wollte unbedingt auch Sushi essen! Den Sekt konnten wir aber vor ihm retten.
Wild Country:
Jetzt können wir einfach nicht länger warten. Hier ist die Frage, auf die alle brennen: Welcher Schwierigkeitsgrad ist es denn nun?! Ist Tribe die schwerste Trad-Route?
James:
Mir ist klar, dass viele Leute da draußen hoffen, ich würde einen Schwierigkeitsgrad festlegen und vielleicht ein für alle Mal die Frage beantworten, ob Tribe tatsächlich die schwerste Trad-Route der Welt ist. Es mag eine Enttäuschung sein, doch das werde ich nicht tun. Dies liegt zum Teil daran, dass ich nicht sicher bin, wie schwierig die Route wirklich ist. Aber vor allem respektiere ich voll und ganz die Gründe, aus denen Jacopo entschieden hat, sie nicht zu bewerten. Wie viele andere ging ich zunächst davon aus, dass auch er es schwierig fand, sich für eine so komplexe Route auf eine Zahl festzulegen. Es liegt in der Natur der Boulderprobleme und der sich ständig ändernden Bedingungen von Cadarese, dass die Züge an einem Tag einfach und am nächsten unmöglich erscheinen können. Auf welcher Grundlage die Gesamtschwierigkeit beurteilt werden soll, ist also unklar.
Der wahre Grund war für Jacopo jedoch, dass er sein Erlebnis der Route – die Aufregung, die Arglosigkeit, die Neugier, die Frustration und die Freude – nicht auf eine Zahl reduzieren wollte. Indem er Tribe unbewertet ließ, forderte er uns dazu auf, genauer hinzusehen, uns Zeit zu nehmen, vielleicht sogar zu hinterfragen, was wir über unsere Klettervorhaben wirklich wissen müssen und was uns dazu antreibt. Ist es wirklich erforderlich, den Schwierigkeitsgrad zu kennen, wenn diese Zahl doch nur dafür gedacht ist, uns bei der Wahl der richtigen Route zu helfen? Können wir nicht einfach sagen: „Wow, was für eine Route!“, und darüber staunen, dass Mutter Natur uns manchmal etwas ganz Besonderes schenkt? Ich respektiere diese Haltung vollkommen und ich teile sie. Wenn wir die Frage nach dem Schwierigkeitsgrad ausklammern, hilft uns das vielleicht – wenn auch nur ein kleines bisschen – uns auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren.
Wild Country:
Das ist ein starkes Pure Climbing Statement, James! Was steht als Nächstes für dich an?
James:
Ich würde dir liebend gerne sagen, dass ich schon das nächste Projekt plane oder irgendeine futuristische Trad-Route probieren will, doch die Wahrheit ist, dass die Möglichkeiten für superhartes Trad-Klettern im Moment begrenzt sind.
Ich werde weiter nach coolen neuen Projekten suchen und in der Zwischenzeit jede Menge andere Routen klettern, die ebenfalls großen Spaß machen. Viel mehr kann ich wirklich nicht verlangen.
*Bitte beachten - alle Bilder stammen aus einer sehr frühen Arbeitssitzung am Tribe, als James die Bewegungen ausarbeitete und die Route säuberte.