CLIMBING POST COVID

"Happiness is a state of mind that consists of relentlessly adapting to your passion"

 

Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, als ich damit fertig bin, das Seil in meinem Rucksack zu verstauen. Meine Arme schmerzen, während ich ihn auf den Rücken hebe und meinen Freunden folgend den Weg hinabsteige, bevor es zu dunkel wird. Meine Hände sind aufgeschürft und wahrscheinlich rieche ich auch etwas streng. Einer nach dem anderen starten wir die gemieteten Motorroller, die seit ein paar Tagen unser Tor zu den Kletterwänden von Kalymnos sind, und fahren im dämmernden Abendlicht zu einer kleinen Bar in Arginonta, wo wir uns ein Bier gönnen werden. 

 

Es ist Anfang Dezember. Bald wird sich auch hier der Winter einstellen, und die frische Luft prickelt angenehm auf unserer noch sonnenwarmen Haut. Wir überholen uns gegenseitig, und gelegentlich hupt einer von uns, um die anderen vor den Ziegen zu warnen, die mitten auf der mit Schlaglöchern übersäten Straße stehen. Es sind jene flüchtigen und unbeschwerten Glücksmomente, in denen für mich der Sinn des Kletterns liegt. Augenblicke geteilter Emotionen, in denen unser aller Herzen im gleichen Takt schlagen.

 

 

Ich bin nie ein guter Sportler gewesen: Es liegt mir nicht, systematisch zu trainieren, dafür bin ich zu faul ... Und oft fehlt mir die notwendige Entschlossenheit, um echte Erfolge zu erzielen. Daher ist es nur selten meine Kletterleistung, die mir auf dem Nachhauseweg ein Lächeln auf die Lippen zaubert; viel wichtiger ist für mich, mit wem und wo ich geklettert bin. Ich könnte fast auf den Fels verzichten, wenn all das Übrige auch ohne Klettern möglich wäre: die Aussicht, das Adrenalin, das Gefühl körperlicher Erschöpfung – und vor allem die Zeit mit meinen Freunden. Feine, subtile Empfindungen, deren wir uns oft erst dann bewusst werden, wenn sie uns jemand wegnimmt – wie bei einem Versammlungsverbot oder Reisebeschränkungen wegen einer globalen Pandemie.

 

SHARE ON

 

Viele von uns sind aufgrund der Einschränkungen durch Covid-19 wochen- oder monatelang nicht geklettert. Dann wurde der Lockdown auch dort gelockert, wo selbst strengste Beschränkungen galten. Die Ausübung von Sport im Freien ist jetzt wieder erlaubt. Wie alle anderen finden auch wir Climber uns plötzlich in einer ganz anderen Welt wieder. Ein Zusammensein ist nicht mehr möglich, schon gar nicht so, wie wir es bis vor Kurzem kannten. 

In den sozialen Medien spöttelt man unter Fotos von Felswänden und Pfaden darüber, dass wir ja schon immer in der sozialen Isolation gelebt hätten: Doch das stimmt ganz und gar nicht. Natürlich suchen wir nach Orten fernab der Menschenmassen – doch dort kommen wir mit Gleichgesinnten zusammen. Die Idee von Gemeinschaft ist einer der Aspekte, die das Klettern zu mehr machen als einem simplen Sport: Wenn wir ein Auto mit dem Aufkleber einer bestimmten Marke oder eines bestimmten Ortes sehen, oder wenn wir auf der Straße einem Fremden in Boulderkleidung begegnen, der gerade einkaufen geht, wissen wir, dass er einer von uns ist. Wenn wir ihn in der Nähe einer Felswand träfen, dann würden wir ihn grüßen, wir würden wahrscheinlich eine Pause einlegen und mit ihm und seinen Freunden plaudern. Ganz sicher würden wir ihm nicht aus dem Weg gehen, wie es jetzt von uns erwartet wird, um die Regeln der sozialen Distanzierung einzuhalten.

 

 

Diese Regeln, wenn auch in abgeschwächter Form, gelten für uns bis heute, und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, sie aufrechtzuerhalten – zum Beispiel in den kleinen Klettergemeinschaften, die sich spontan an Felswänden und in Sporthallen bilden. Cëuse, Margalef, Kalymnos, Yosemite, Val di Mello: All diese Orte sind nicht nur wegen ihrer Natur, sondern auch wegen der Klettergruppen einzigartig, die aus der ganzen Welt dort zusammenkommen, um ein Erlebnis zu teilen. Jetzt liegt es aber auch an uns, die neuen Regeln zu respektieren, zumindest bis sich die Lage beruhigt hat. Klettern wird sicherlich möglich sein – wenn wir mit „Klettern“ einzig die sportliche Aktivität meinen, mit der wir eine Felswand erklimmen. Anders sieht es aus, wenn wir das „Klettern“ auf all die übrigen Aspekte beziehen, die dazugehören. Diese sind im Moment noch nicht möglich. Dazu gehört zum Beispiel, gemeinsam mit Freunden auf eine griechische Insel zu fliegen und dort Kletterer aus der ganzen Welt zu treffen, die genau dieselbe Leidenschaft hegen – eine Leidenschaft, die oft unverständlich ist für all jene, die noch nie in ihrem Leben Gurtzeug angelegt haben.

 

 

„Glück ist ein Geisteszustand, der darin besteht, sich unerbittlich der eigenen Leidenschaft zu fügen“, hat Patrick Edlinger einmal gesagt. Ein Satz, der noch vor wenigen Monaten für viele von uns bedeutet hätte, Opfer bringen zu müssen. Zum Beispiel auf einen guten Job zu verzichten, um mehr Zeit am Felsen zu verbringen, oder zusätzliche Belastungen durch Training und Verletzungen auf sich zu nehmen, um einen bestimmten Klettergriff zu halten.

 

Jetzt bedeutet der Satz hingegen, sich an die Veränderungen anzupassen, die überall auf der Welt stattfinden, und damit eine ganze Reihe von Gewohnheiten abzulegen, die den Sport zu dem gemacht haben, was er für jeden leidenschaftlichen Kletterer bedeutet. Er bedeutet, uns selbst zuliebe auf die Gemeinschaft zu verzichten und mehr Individualismus zu wagen. Einige werden das schaffen, andere nicht. Manch einer war sicher schon mit einigen wenigen, auserwählten Partnern am Fels und hatte vielleicht sogar Spaß dabei. Andere hingegen werden warten, bis sie wieder auf die schallende Gesellschaft der anderen zählen und jenes glückliche Miteinander genießen können, das uns jetzt versagt ist. In der Zwischenzeit arrangiert man sich so gut es geht, macht zwischen Brombeersträuchern verborgene Felsen ausfindig oder trainiert zu Hause an Holzbalken und stellt sich dabei vor, man würde an Löchern im Kalkstein hängen.

 

Doch wir alle werden unser Kletterleben, wie wir es bis vor wenigen Monaten kannten, vermissen. Mir fehlen die Freunde und der Sport, die am Ende wohl ein und dasselbe sind. Aber irgendwann werden wir wieder alle zusammen ein Bier am Feuer trinken – da bin ich mir sicher.

 

 

 

Blog and pictures by Federico Ravassard